DasRockt! Magazin

Alex Diehl – Storytelling

tiz 19. August 2016 Interviews
Credit: Dominick Beckmann

Alex Diehl ist ein Musiker, der immer für eine Geschichte gut ist. Sei es seine „Volbeat-Geschichte“, die er uns im ersten Interview mit ihm erzählt hat oder die, die er nun erzählt. Vom „nahezu Nobody“ zu Platz 2 beim ESC-Vorentscheid oder zum Internet – Phänomen der Menschlichkeit.

 

DasROCKT!: Bei unserem letzten Interview mussten wir dich eher noch vorstellen, aber in 2016 sollte dich jeder kennen. Wie fühlt sich diese Entwicklung für dich an?

 

Alex: Nach zehn Jahren Musikerschule, damals noch mit MUSIK MACHEN und ohne Facebook oder Logic auf dem MacBook, fühlt sich das wirklich gut an. Ich hab die alte Schule vom Straßenmusiker über Pubs in Clubs und ohne Connections in die Plattenindustrie mitgemacht. Vielleicht der langsamere Weg, aber ich möchte das alles nicht missen. Ich weiß, was ich jetzt habe, sehr zu schätzen und behüte es wie ein rohes Ei, indem ich Musik mache, die mir aus dem Herzen und dem Bauch kommt… so REAL bleibe, wie ich nur kann. Die Reaktionen, die ich dafür bekomme, gehen dann mal über ein „Hey coole Mukke“ hinaus… und die Menschen öffnen sich mir gegenüber. Das ist es alles wert.

 

DasROCKT!: „Ein kleines Lied“ – so hast du damals auf Facebook deinen musikalischen Eindruck in deine Seele am Abend der Anschläge von Paris genannt. Kannst du uns einen Einblick in deine Seele von diesem Abend geben und wie es in diesem Lied endete?

 

Alex: Dazu müsste ich unendlich ausholen. Ich versuche mich kurz zu halten und erzähle euch den Kern des Songs. Ich wollte mich wehren, wehren im Namen aller die mit HERZ & VERSTAND ihren Alltag bestreiten und sich nicht von WUT & ANGST haben anstecken lassen. Die Anschläge waren grausam und noch grausamer fand ich, dass sie instrumentalisiert wurden… nur wenige Minuten nach dem sie passiert waren.

Dabei ging es nie um die Opfer, sondern immer um WÄHLER, HETZE, POLITIK.

In Zeiten von AFD und PEGIDA hat sich das alles bei mir so hochgeschaukelt, dass ich etwas tun musste… so konnte ich das nicht stehen lassen. Für uns alle.

 

DasROCKT!: Hast du etwas Angst davor, dass du immer mit diesem Ereignis musikalisch in Verbindung gebracht wirst, vergleichbar mit Enya und dem Anschlägen in Amerika?

 

Alex: Nein. Ich stehe lieber für etwas Menschliches als für einen belanglosen Popsong, der mir die Kasse voll macht.

 

DasROCKT!: Wie hast du die Aufmerksamkeit in Bezug auf deine Person in den Tagen danach empfunden?

 

Alex: Da ich das schon einige Zeit – natürlich nicht in diesem Ausmaß – mache, war ich nicht ganz unerfahren. Ich habe die Chance genutzt und versucht, aus dieser Situation etwas Gutes zu machen. Nach 2-3 Tagen mit ca. 15 Interviews am Tag habe ich gemerkt… das ist meine Chance, ein Zeichen zu setzen. Da habe ich mich entschlossen alle meine Einnahmen an dem Song „Nur ein Lied” zu spenden und zu zeigen… WENN WIR UNS UM EINANDER KÜMMERN UND ALLE ZUSAMMEN HELFEN… KANN ALLES KLAPPEN. Naiv, möchte mancher sagen… aber wer sagt mir die Alternative!? 😉

DasROCKT!: Wie entstand die Idee, beim ESC-Vorentscheid mitzumachen?

 

Alex: Durch die Fans. Es wurde ohne mein Zutun eine Petition gestartet und das machte im Netz eine riesige Welle, weil gerade in den Medien kam, dass Xavier Naidoo doch nicht zum ESC fährt. Das hat sich alles verselbständigt und die Verantwortlichen sind wohl darauf aufmerksam geworden. So wurde ich bei einem TV Auftritt in Hamburg gefragt, ob ich Interesse hätte. Ich habe zugestimmt, mit der Bedingung, es so zu machen wie es möchte… ohne viel SHOW, aber mit viel STATEMENT.

 

DasROCKT!: Wie war diese Erfahrung?

 

Alex: Ich hatte Angst… ich war sehr nervös… immerhin haben sich das fast fünf Millionen Menschen angesehen. Dann noch mit so etwas „unpoppigem“ und „politischem“ bei einer Glamourveranstaltung wie dem ESC aufzutauchen… da ging mir schon ordentlich die Düse 😉 Aber ich habe mich immer wieder darauf besonnen…. “WARUM BIST DU HIER?“ und „UM WAS GEHT ES DIR?“… nun es ging mir um ein Zeichen der Menschlichkeit. Dass ich damit dann auf Platz 2 komme, hat mich nicht nur 50 Euro, die ich auf Platz „9“ verwettet habe, gekostet, sondern auch sämtliche Nerven. Ich dachte, ich spinne komplett und habe mich sehr gefreut, dass Deutschland so einen untypischen Song so weit gewählt hat. Das war ein gutes Zeichen.

 

DasROCKT!: „Bretter meiner Welt“ heißt dein zweites Album. Gib uns doch mal kurz einen textlichen Einblick.

 

Alex: Seele, Herz, echt, aus Holz und von Hand gespielt. Ein Album voller echter Geschichten, das manchmal etwas weh tut beim hören, weil es die Dinge nun mal so sagt, wie sie sind und Themen behandelt, die einfach manchmal weh tun – wie Depressionen, Tod (Verlust) oder auch fehlende Menschlichkeit… Andererseits gibt es einem Hoffnung; es trägt einen, ohne etwas vorzuspielen. Es ist ehrlich zu dir und macht dir Mut… NIEMAND IST PERFEKT und TROTZDEM MACHEN WIR DAS BESTE DARAUS.

 

DasROCKT!: Woher nimmst du deine Inspirationen?

 

Alex: LEBEN. AUS ALLEM, WAS ICH ERLEBT HABE. Ich bin zwar „erst“ 28 Jahre alt… habe aber bereits ein sehr krasses Leben hinter mir. Nicht zuletzt wegen der abgebrochenen Schule und dem riesigen Traum vom Musiker sein in der Tasche.

Das hat mich gut herumkommen lassen, aber auch viele Sorgen und Ängste mit sich gebracht… Meine Familie, die Menschen die ich getroffen habe – alle haben ihren Spuren hinterlassen und das ging oft sehr tief… nach OBEN wie nach UNTEN.

 

DasROCKT!: Wo siehst du persönlich deine Weiterentwicklung?

 

Alex: Nun ich bin tief gefallen und hoch geflogen… Ich hab alles mal gesehen und gefühlt, wie es ist, vor 5 Millionen zu singen, vor 30.000 LIVE zu spielen und erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der Traum vor dem AUS steht, weil nichts mehr geht. Trotzdem habe ich nie daran gedacht aufzuhören und für meine Musik und ein glückliches Leben zu kämpfen. Meine Weiterentwicklung ist die Entwicklung selbst & der Glaube an Musik und alles was sie schaffen kann.

 

DasROCKT!: Im Herbst gehst du auf Tour. Was ist für dich das Größte, wenn du auf der Bühne stehst?

 

Alex; Das Größte auf der Bühne bin meistens ich (Wer mich schon mal gesehen hat, weiß warum). Wenn die Leute vor Hoffnung, Wut, Trauer und Mut mit mir weinen… das ist tatsächlich das eine oder andere mal schon vorgekommen. Wenn es so tief geht in einem Raum… dann ist das das Größte. Die Texte sind ja nicht gerade massentauglich… Welches Radio spielt schon einen Song über SELBSTZWEIFEL oder ÄNGSTE und VERSAGEN? Aber wenn die Leute zu den Shows kommen und mich sehen, wie ich da ganz unperfekt stehe und davon singe, Mensch zu sein, dann löst das eine Befreiung aus, die in jeder Ecke spürbar ist. Was dann manchmal mit mir und dem Publikum passiert, ist fast schon eine Art Therapie würde ich sagen 😉

 

Dani 

 

About The Author

tiz

Chefredakteur und Mitbegründer des Heftes. Verantwortlich für jedes gedruckte Wort und die inhaltliche Ausrichtung des Magazins sowie Bandbetreuer auf dem Ehrlich & Laut Festival

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