DasRockt! Magazin

Schandmaul – Einfach mal durchatmen

Dani 19. August 2016 Interviews
SCHANDMAUL_2016_1_credit Robert Eikelpoth

Wir trafen Thomas (voc) von Schandmaul kurz nach ihrem Supportgig bei „Unheilig“, um über ihre neue CD „Leuchtfeuer“ zu schnacken.

 

DasROCKT!: Zwischen Gründung und heute führte euer Weg stets bergauf, wie verarbeitet man das nach jedem Album?

 

Schandmaul: Auf der einen Seite ist man relaxt, weil man weiß, dass man besser wird. Besser am Instrument. Das ist schon ganz fein. Aber auf der anderen Seite schraubt man selbst die Erwartungen immer höher. Jetzt gerade haben wir den kritischen Zeitpunkt, wo wir das Album fertig haben, welches ja nun bald erscheint und wir das Gefühl haben, dass wird fein werden. Aber bevor der erste Song für das nächste Album geschrieben ist, ist ein gewisses flattern im Bauch „kann man es noch“. In Wahrheit ist gerade jetzt die nervöse Phase. Wenn der erste Song geschrieben ist, weiß man, dass es läuft.

 

DasROCKT!: Wie sieht das mit dem Erfolgsdruck aus?

 

Schandmaul: Den stellt man sich aber auch selber. Ein paar Alben vorher hat man Songs geschrieben und hat dafür Gemecker bekommen, weil man dies und jenes… Ein Album war beispielsweise sehr emotional, auf uns selbst bezogen und da meinten die Leute, dass das nicht Schandmaul ist und man lieber Geschichten erzählen soll. Wir, die Märchenerzähler. Darauf besinnt man sich und geht wieder an die Geschichten. Den Kurs haben wir gerade wohl gefunden.

 

DasROCKT!: Ist es für dich manchmal „blöd“ einen typischen Schandmaul Sound zu haben?

 

Schandmaul: Ich finde es sogar befreiend. Du gehst sozusagen in die Bibliothek, suchst dir eine Geschichte aus, recherchierst über Wochen nach und fasst das in einem schönen Gedicht auf und machst ein Lied dazu. Die Jungs und Mädels, die jetzt im Radio rauf und runter laufen, schreiben über zerschellte oder gerade aufkeimende Beziehungen und werden irgendwann keinen Stoff mehr haben. Uns hingegen geht der Stoff nicht aus.

DasROCKT!: Ist es typisch für dich über die Geschichten zu stolpern?

 

Schandmaul: Das ist unterschiedlich. Eine schöne Geschichte, wobei die hoch tragisch ist, habe ich gefunden als ich bei Freunden an der Nordsee war. Wir blieben einige Tage dort und haben die Insel Baltrum besucht. Im Heimatmuseum stehen wir plötzlich vor einem Exponat, das war eine Zigarrenkiste und daneben ein Brief in altdeutscher Schrift aus dem Jahr 1866. Ich habe den Brief gelesen und Gänsehaut bekommen. Das ist die Geschichte um Tjark Evers. Das war ein 17jähriger Bube gewesen, der zu Weihnachten von der Navigationsschule zurück zu seinem Elternhaus wollte. Er hat sich im dichtesten Nebel von zwei Bootsleuten rüber rudern lassen, die sich aber im Nebel vertan haben und ihn anstatt auf Baltrum auf einer Sandbank abgesetzt. Als die Bootsleute weg waren merkte er, dass er falsch war und die Flut kam. Das Wasser hatte lediglich 3 Grad Celsius und er wusste, dass er gar nicht mehr anfangen brauch zu schwimmen. Also stand er auf der Sandbank, hat einen Brief geschrieben und ihn in die Zigarrenkiste gelegt. Er ward nie wieder gesehen, aber die Zigarrenkiste wurde fünf Tage später an Land gespült. Diese Kiste ist dort ausgestellt. Ja, das ist der Zufall über den wir ein Lied gemacht haben. Aber manchmal denkt man auch worüber könnte man was schreiben. Da sucht man im Netz oder liest Bücher.

 

DasROCKT!: Welche Lieder gefallen dir thematisch noch gut?

 

Schandmaul: Von allen Bandmitgliedern kam etwas, was mich berührte. Aber wir haben noch über einen berühmten bayrischen Räuber geschrieben, der einfach ein Pechvogel war und wurde hingerichtet. Das wurde sehr durchleuchtet und wir haben uns sogar Fallakten vom Amtsgericht Augsburg schicken lassen, wo es damals passiert ist. Oder der Ducky hat „Zu zweit allein“ geschrieben, welches auch bald als Video erscheinen wird. Es gibt um eine Ehe / Partnerschaft, in der man sich aus den Augen verliert. Das ist so herzzerreißend und das Video wird das wunderschön aufgreifen. Oder das Thema „Zeit“, welches mir besonders nahe geht. Wie bekloppt wir alle sind mit unseren Wischfernsehern und das ganze Leben in den Social Media Portalen. Kein Mensch schaut mehr geradeaus und jeder meint 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein. Einfach mal durchatmen – darüber haben wir einen Song geschrieben.

 

DasROCKT!: Kommen wir auf „Zu zweit allein“ noch mal zurück. Das habt ihr mit der bezaubernden Tarja aufgenommen. War sie direkt davon begeistert ihre Stimme in Deutsch erklingen zu lassen?

 

Schandmaul: Das war überhaupt keine Frage. Wir hatten dahingehend angefragt, ob sie Bock hat, aber dass wir eine deutsche Band sind, die auch Deutsch singt. Sie selbst hat eine Zeitlang in Deutschland gewohnt, sie spricht leidlich Deutsch. Aber sie hat den total sexy, charmanten und finnischen Akzent drin. Es ist ein riesig schönes Duett.

 

DasROCKT!: Da stimme ich zu. Man erkennt ihre Stimme nicht sofort.

 

Schandmaul: Richtig, weil sie nicht in ihrem typischen Bereich singt, sondern wir haben die Tonlage vorgegeben. Auch die Art und Weise ist die, wie ich es singe. Dort hat sie sich stimmlich drauf gesetzt. Es ist großartig geworden. Gerade weil du erst einmal lauschen musst, dass es nicht die Tarja ist, die man normalerweise kennt. Das ist furchtbar spannend.

 

DasROCKT!: Wie sucht ihr solche Duettpartner aus?

 

Schandmaul: Wir sitzen zusammen und überlegen Namen. Steffi von „Silbermond“ oder die Christina Stürmer waren Gedankenspiele. Wir haben einfach mal Damen auf den Tisch geschmissen, mit denen es Sinn machen würde. Jemand schlug Tarja vor, die ebenfalls ein neues Album herausbringen wird und wir fanden, dass das der Knüller wäre. Als sie gesagt hat, haben wir erst einmal eine La-Ola-Welle gemacht.

 

DasROCKT!: Was lässt dein Herz aus rein musikalischer Sicht höher schlagen?

 

Schandmaul: Ich habe jetzt jeden Song inklusive Einsingen sicherlich 300 Mal gehört. Eine objektive Meinung habe ich nicht mehr, aber mir gefallen die schnellen Nummer immer mehr. Ich höre sie mir gerade nicht mehr an, weil ich mich freue sie live zu spielen. Ein Stück liegt mir besonders am Herzen, aber die wird es nicht auf jeder Version des Albums geben. „Die schwarze Perle“, da ist am Anfang ein orientalischer Touch zu hören, aber der Text liegt mir ebenfalls am Herzen, weil ich weinen muss, wenn ich ihn höre. Denn wenn du objektiv an das Lied herangehst, ist es ein Liebeslied. Aber wenn du es hinterfragst, ist es ein Thema, was gerade jeden rühren muss.

 

DasROCKT!: Im Herbst beginnt die Tour. Wie weit sind eure Vorbereitungen?

 

Schandmaul: Wir üben jede Woche. Aktuell sind wir mit „Unheilig“ unterwegs, wo wir sechs Lieder spielen dürfen, für die wir nicht mehr proben müssen. Jedes Mal wenn wir aufbrechen müssen, treffen wir uns früher und widmen uns schon dem Tourprogramm. Zeitgleich überlegen wir zusammen mit dem Tontechniker und dem Lichtmann, wie die Show ausschauen wird und was man machen kann.

 

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About The Author

Dani

Redakteur - Verantwortlich für die Bereiche Rock, Metal, Metalcore, Gothic sowie Fotograbenrockerin zum pixeligen Einfrieren von Konzertmomemten.

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