DasRockt! Magazin

Sabaton – Musikalische Historiker gehen ins Gefecht

MarieMadlen 19. August 2016 Interviews
Sabaton2016q_credit Tim Tonckoe

Schwedens wohl musikalischste Historiker sind zurück! Am 19. August erscheint “The Last Stand”, das achte Studioalbum von Sabaton. Was es mit dem letzten Gefecht auf sich hat, wie ein Sabaton-Song entsteht, von den Schwierigkeiten des Musikerdaseins und vielem mehr berichten uns Sänger Joakim und Bassist Pär.

 

DasRockt!: Ihr habt einen sehr eigenen und speziellen Sound. Gibt es manchmal Schwierigkeiten bei der Frage, ob ihr euch selbst treu bleibt oder etwas Neues ausprobiert?

Joakim: Ich glaube, das ist der schwierigste Teil für jeden Musiker und jede Band da draußen. Wie bleibst du dir treu, schaffst aber gleichzeitig etwas Neues. Es ist so schwierig, weil die Leute einerseits die Band hören wollen, die sie mögen, sie auf der anderen Seite aber nicht immer gleichklingende Songs hören wollen. Das ist ein sehr schmaler Grad, auf dem wir balancieren. Ob es uns gelingt, müssen andere entscheiden.

Pär: Wir sollten nicht zu viel verändern. Die Fans sollen uns vertrauen können. Wenn wir das schaffen, sind wir auf dem richtigen Weg.

DasRockt!: Ihr behandelt historische Thematiken in euren Liedern. Wie verläuft das Songwriting? Recherchiert ihr viel oder habt ihr all das Wissen bereits?

J: Meist haben wir kein Expertenwissen. Wenn wir eine Geschichte hören, sei es per Mail oder durch ein Buch, wenn wir etwas wirklich mögen, dann vergraben wir uns darin, versuchen so viel herauszufinden wie möglich. Da steckt eine Menge Recherche hinter jeder Zeile. Aber wir besitzen nicht mehr Wissen als jeder andere. Wir interessieren uns einfach für Geschichte. Wenn wir etwas mögen und es uns genug interessiert, dass wir darüber singen wollen, dann fangen wir an mehr über das Thema herauszufinden.

P: Das ganze Jahr über bekomme ich eine Menge Mails. Wir sehen etwas, hören etwas, wir sammeln all diese Ideen und speichern sie ab, kategorisieren sie zu eine Ideenbibliothek. Die Welt war schon oft im Krieg, die Menschen kämpfen immer, uns gehen also nicht die Themen aus. Wenn wir das Gefühl haben, die Dinge zu einem Album zusammenpacken zu können, entscheiden  in welche Richtung das Album gehen soll, wir finden ein Hauptthema. Dann gehen wir durch unsere Bibliothek und suchen nach passenden Ideen. Es sind meist kurze Geschichten. Wir werten sie aus und beginnen mit der Recherche. Einige Ideen, die am Anfang toll klangen, sind vielleicht… [Gestikuliert Wegwerfen]. Bye bye! Andere passen genau. Das merken wir sofort. Wir entscheiden “Okay, dieses Album wird “The Last Stand”. Das muss dazu, das, das…“

J: Schon als wir über den Titel gesprochen haben, wussten wir was alles auf das Album gehört.

DasRockt!: Beim Anhören des Albums kam mir in den Sinn, dass ihr viele Geschichten ansprecht, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört habe.

P: Das hören wir sehr gern! Die offensichtlichen Dinge erwecken viel weniger Interesse. Das gilt nicht nur für die Fans, sondern auch für uns. Es ist schon sehr interessant, zu recherchieren und dabei Wow-Momente zu erleben.

J: Wenn du eine fantastische Geschichte hörst, ist sie besonders beim ersten Mal fantastisch. Wenn du sie schon vor 10 Jahren gehört hast, ist es nichts Besonderes mehr, obwohl es noch immer eine fantastische Geschichte ist. Es ist dieser Moment, wenn wir die wirkliche Story herausfinden, dass wir die Lyrics darüber schreiben wollen. Dann haben wir eine emotionale Verbindung dazu aufgebaut.

P: Wir sind nicht anders als die anderen Menschen auf dieser Welt und das zeigt es deutlich. Die Leute teilen ihr Leben auf sozialen Netzwerken und erzählen ihre Geschichten… Wenn du von etwas hörst, willst du es mit anderen teilen. Du willst derjenige sein, der den Leuten davon erzählt.

J: Wir machen es nur auf eine coolere Art, wir teilen ein Album statt unsere Leben auf Facebook! [lacht]

P: Aber unser Album wird auch auf Facebook geteilt. [lacht]

DasRockt!: Habt ihr je Schwierigkeiten damit, über Kriege und Schlachten zu schreiben, ohne dabei eine urteilende Perspektive anzunehmen?

J: Nicht wirklich. Nach einer Weile gewöhnt man sich dran. [lacht] Es gibt so viele fantastische Geschichten und manche von ihnen hätten aus vielerlei Sichten erzählt werden können. Ich meine, man sollte nicht wirklich den Soldaten verurteilen. Meistens ist es jemand anders, der die verdammten Befehle gibt. Ich finde es hochinteressant, dass es stigmatisiert wird, Soldat zu sein. 90% der Soldaten in allen Armeen der Welt wollen ihrem Land dienen oder es beschützen, darum haben sie sich verpflichtet. Warum sind die Leute wütend auf sie? Hasst die verdammten Politiker, die sie zum Sterben oder Töten ausgesandt haben! Es ist egal, für welche Seite du kämpfst, es gibt überall interessante Geschichten zu erzählen. Manchmal kann es noch viel interessanter sein, sie aus der Sicht des Soldaten zu erzählen.

DasRockt!: Wir haben einen Blick auf euer Coverartwork geworfen. Wie wichtig empfindet ihr diesen visuellen Aspekt im digitalen Zeitalter?

P: Ich glaube, es ist immernoch sehr wichtig für das Album, da es das erste ist, was die Leute sehen. Auch wenn du es digital erwirbst. Du siehst ein Bild und klickst drauf und hörst etwas. Es ist sowieso verbunden. Das ist die beste Möglichkeit, um Audio und Visuelles zu verbinden. Das Coverartwork ist sehr wichtig.

DasRockt!: Wir sehen verschiedene Soldaten aus verschiedenen Zeitaltern auf dem Cover.

P: Sie repräsentieren die verschiedenen Songs.

DasRockt!: Inwieweit seid ihr einbezogen in die Gestaltung des Artworks?

P: Wir haben meist die Hauptidee. Wir können den Künstler nicht kontrollieren. Er sollte frei sein, sich selbst zu verwirklichen, unsere kleinen Ideen zu nehmen und ihnen Leben einzuhauchen. Wir sagen dann, was wir mögen und was nicht.

DasRockt!: Wir haben gelesen, dass ihr fasziniert von dem letzten Gefecht seid. Was ist das Faszinierende daran?

J: In vielen Fällen beschlossen sie, nicht aufzugeben. Es ist sehr einfach zu sagen „Yeah, ich würde lieber sterben statt meine Freiheit zu verlieren!“ Verdammt, die meisten Leute würden eher ihre Freiheit verlieren statt ihre verdammten Autoschlüssel. Diese Jungs, beispielsweise die Spartaner. Sie mussten nicht kämpfen. Sie hätten sagen können „Okay, wir ergeben uns Xerxes und dem Persischen Imperium und leben weiter unser Leben.“ Sie haben beschlossen, das nicht zu tun. Sie bewiesen mit ihrem eigenen Tod, dass sie lieber frei und tot sind. Das ist eine der Hauptfaszinationen für mich. Klar, nicht alle dieser Jungs hatten die Wahl. [lacht] Aber es ist einer der interessantesten Aspekte für mich.

DasRockt!: Habt ihr eine Lieblingsepoche oder eine Zeit, die ihr besonders interessant findet?

P: Wir haben uns einige Zeit intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Das hat seinen Grund. Dieser Krieg ist vorbei, aber er hat so viel auf der ganzen Welt ausgelöst, so viel beeinflusst. Da gibt es sehr viele Geschichten. Es war auch das erste Mal in der Geschichte, dass etwas gut dokumentiert wurde. Man kann an Fakten kommen. Geht man zurück zum Ersten Weltkrieg, gibt es deutlich weniger verlässliche Fakten.

J: Und niemand hörte auf den einzelnen Soldaten. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto weniger erfährt man über die Soldaten. Es geht nur um die Kommandanten. Die Kommandanten schrieben die Geschichte, so dass sie gut da stehen. Es ist Propaganda. Im Zweiten Weltkrieg konnte jeder Soldat lesen und schreiben und seine Geschichte erzählen. Redet man über die Zeit vor 200 Jahren, da konnte kein Soldat lesen oder schreiben.

P: Der Zweite Weltkrieg ist sehr spannend. Diesmal haben wir unser Themenfeld aber erweitert. Das gibt uns die Möglichkeit, mehr zu experimentieren in den Songs.

DasRockt!: Ihr habt wieder mit Peter Tägtgren zusammengearbeitet. Wie viel Einfluss hat der Produzent auf den finalen Sound des Albums?

J: Nicht so viel auf die Songs an sich, aber sehr viel auf die Produktion. Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Produzenten. Manche sind sehr stark beim arrangieren und auch beim Schreiben der Songs involviert. Wir sind damit meist schon so ziemlich fertig, bevor wir ins Studio gehen.  Peter hat manchmal gute Vorschläge und wir probieren seine Ideen auch aus. Aber im Großen und Ganzen ist seine Aufgabe das Song mixen und da ist er viel besser drin, als wir es sind.

DasRockt!: Es gefällt euch also mit ihm zu arbeiten?

P: Ja auf jeden Fall. Es ist aber auch eine Art naheliegende Wahl. Er kommt aus der gleichen Region wie wir und er hat vor zehn Jahren zusammen mit seinem Bruder angefangen als Produzent zu arbeiten. Wir haben bei den ersten Alben mit seinem großen Bruder zusammengearbeitet und Peter war auch immer im Studio und hat kleine Tipps hier und da gegeben und kleine Anpassungen vorgenommen. Er ist dann immer weiter in die Aufgaben hineingewachsen und bei Carolus Rex hat er dann die kompletten Aufgaben übernommen. Und seitdem produziert er unsere Alben. Er versucht sich immer weiter zu entwickeln, ich meine er ist nicht wirklich gewohnt unsere Art von Musik zu machen und muss daher ein bisschen in andere Richtungen denken. Aber setzt sich selbst sehr unter Druck um immer etwas noch besseres zu erschaffen.

 

J: Ja bei Carolus Rex waren wir noch im Studio und haben uns nach dem ersten Hören des Albums gefreut, dass die erste Zusammenarbeit so gut funktioniert hat. Bei Heroes war es dann schon so, dass wir ins Studio kamen und Peter der Meinung war, dass wir diesesmal noch besser sein müssten als bei Carolus Rex, obwohl dass ja schon so gut war. Und dieses Mal war er einfach nur noch panisch, weil er beide Alben übertreffen wollte.

 

P: Normalerweise macht Peter ein Album mit dieser Band und dann eins mit einer anderen Band und dann ist der Druck natürlich nicht der Gleiche, weil er jedes Mal das Ziel hat den besten Job für die jeweilige Band zu machen und das wird er auch schaffen. Aber mit uns hat er jetzt schon eine gemeinsame Vergangenheit und er muss jedes Mal wieder steigern, also steht er wirklich unter einem gewissen Druck.

 

DasRockt!: Am Anfang des Jahres war eurer “Heroes – Live on Tour” in Kinos überall in Deutschland zu sehen. Was ist es für ein Gefühl zu wissen, dass eure Show auf der großen Leinwand gezeigt wird?

P: Es ist ein großartiger Gedanke. Wir hatten die gleichen Kinovorführungen auch in Schweden und ich war bei der ersten als Gastgeber dabei und es war wirklich beeindruckend unsere Show in diesem Format zu sehen. Ich denke sie sollte so gesehen werden.

J: Big Show – big Screen!

P: Ja es hat einen großen Sound und es ist eine große Show, also sollte sie auch auf einem großen Bildschirm gezeigt werden! Es war wirklich eine schöne Erfahrung.

Manche Menschen mögen die Idee vielleicht nicht, neben fremden Menschen zu sitzen und die Show zu sehen, während andere dabei Popcorn essen oder mitsingen. Es ist irgendwie eine interessante Mischung. Manche möchten nur dort sitzen und schauen, andere wollen mitsingen und mitklatschen…

J: und Bier trinken und feiern

P: Ich finde es wirklich eine großartige Idee und hoffe das es in Zukunft noch populärer wird.

DasRockt!: Eure nächste Tour soll die größte und beste werden, die ihr je gemacht habt. Was wird diesesmal so groß und besonders sein?

P: Es gibt im Prinzip nur einen Weg für uns um noch cooler zu werden. Bei den letzten Touren haben wir und immer dafür entschieden nicht in die größeren Hallen zu gehen, sondern die Shows auf einem Level zu halten, dass wir noch wachsen können und sie auch selbst bewältigen können. Nun fühlen wir uns sicher genug, dass wir auch eine so große Tour handhaben können und deswegen öffnen wir uns jetzt für die großen Hallen, was natürlich auch gedeutet, dass wir nun Produktionen umsetzten können, die wir früher in kleinen Locations nicht umsetzten konnten.

J: Wir wollen es natürlich auch besser machen. Mit jeder Tour wollen wir natürlich besser werden, als bei der vorherigen. Und besser bedeutet bei Sabaton, auch größer. Wir mögen große Spielsachen z.B. Tanks und davon brauchen wir dann jedes Mal mehr und größere. Also geht bei uns besser, auch immer mit größer Hand in Hand.

P: Und wir wollten auch etwas Besonderes machen. Deshalb haben wir auch Accept gefragt zusammen mit uns auf Tour zu gehen und sie haben ja gesagt. Das wird toll werden.

DasRockt!: Accept selbst sind eine so große Band. Wie fühlt es sich an, von so einer Band supportet zu werden?

J: Accept ist eine meiner absoulten Lieblingsbands.

P: Es wird aufregend werden.

J: Ja wir werden den Druck extra stark spüren, weil wir natürlich besser sein wollen. Eine so großartige Band vor dir spielen zu haben, löst schon eine gewisse Angst aus. Danach muss man einfach abliefern. Ich mein ich mag es so. Ein gesundes Maß an Wettstreit ist vorteilhaft für alle. Sie sollten auch auf die Bühne gehen und die beste Band sein wollen, so wird jeder von uns ein bisschen besser und die Shows insgesamt auch. Und jeder der bei den Konzerten anwesend ist, wird glücklicher, weil er eine bessere Show zu sehen bekommt.

DasRockt!: Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist es auffällig, dass Schweden so viele Bands hat, die international erfolgreich sind. Habt ihr eine Vermutung woher das kommt?

P: Ich glaube es gibt da eine Menge unterschiedlicher Theorien, was genau dahinterstecken könnte. Ich selbst vermute es hat etwas mit dem Verhalten zu tun, wie Menschen und insbesondere junge Menschen in Schweden behandelt werden.

Wenn du 12 oder 13 Jahre alt bist, in deiner ersten Band spielst und gerade dein erstes Konzert gebucht hast, dann ist es dir egal ob 5 oder 150 Leute dort sein werden, es ist dein erstes Konzert und es soll der perfekte Abend werden. Und wenn du dann bei der Location ankommst und die Leute sind unfreundlich und behandeln dich schlecht, du bekommst nichts zu Essen oder zu Trinke, dann wirst du am Ende des Abends nach Hause gehen und denken, das war nicht mal annähernd das, wovon ich geträumt habe. Viele Menschen würden danach den Traum von Musik machen aufgeben. In Schweden ist das anders. Gerade die jungen Bands werden sehr gut behandelt. Wenn du ein Anfänger bist, sind die Leute immer freundlich zu dir und ich glaube gerade das ist ein Punkt, der bei einer Menge Menschen die Motivation aufrechterhält, weiter zu spielen.

Natürlich werden alle mit der Zeit merken, dass Rock’n’Roll nicht immer toll und perfekt ist. Aber zumindest bekommst du das langsam vermittelt und wirst nicht gleich in der ersten Nacht damit konfrontiert, indem du voller Euphorie die Bühne nach deinem ersten Gig verlässt und du hinter der Bühne angemotzt wirst, aufzuräumen oder aus der Location zu verschwinden. Ich glaube das hat auf jeden Fall etwas damit zu tun.

 

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